Xiang Gu: der Shiitake in der TCM
In China ist der Shiitake seit Jahrhunderten Nahrung und Heilmittel zugleich. Die TCM schätzt ihn als mildes, stärkendes Lebensmittel für jeden Tag – weniger als Arznei.
Das Profil nach TCM
| Chinesischer Name | 香菇 Xiāng Gū („duftender Pilz“), historisch auch 香蕈 Xiāng Xùn |
|---|---|
| Geschmack | süß (甘 gān) |
| Temperaturverhalten | neutral (平 píng) |
| Leitbahnen (Funktionskreise) | Magen und Leber; in manchen Quellen Milz und Magen |
| Traditionelle Wirkrichtung | stärkt das Qi, unterstützt Milz und Magen, fördert den Appetit, „bringt Ausschläge nach außen“ |
| Anwendungsform | vor allem als Nahrungsmittel in der Diätetik (食疗 Shíliáo): Suppen, Reisbrei, Schmorgerichte |
Was die Begriffe bedeuten
Die TCM beschreibt Lebensmittel und Arzneien nach ihrem Geschmack und ihremTemperaturverhalten – also danach, ob sie den Körper wärmen, kühlen oder neutral wirken.
- Süß steht in der TCM nicht für Zucker, sondern für nährend, aufbauend und harmonisierend. Süße Lebensmittel stärken die „Mitte“, also Verdauung und Energie.
- Neutral heißt: Der Shiitake heizt weder auf noch kühlt er ab. Deshalb gilt er als für fast alle Konstitutionen geeignet und kann regelmäßig gegessen werden.
- Milz und Magen sind in der TCM keine Organe im anatomischen Sinn, sondern ein Funktionskreis für Verdauung und die Umwandlung von Nahrung in Energie (Qi). Ein „schwaches Milz-Qi“ äußert sich nach dieser Lehre etwa in Müdigkeit, Appetitlosigkeit und weichem Stuhl.
Traditionelle Anwendungen
In der chinesischen Ernährungslehre wird der Shiitake vor allem eingesetzt:
- Bei Erschöpfung und Schwäche, etwa nach Krankheit, als stärkende Suppe oder als Reisbrei (Congee).
- Bei Appetitlosigkeit und schwacher Verdauung – mild und gut verträglich.
- Um Ausschläge „nach außen zu bringen“ (透疹 tòu zhěn): Traditionell gab man Kindern mit Masern Shiitake-Brühe, damit der Ausschlag rasch durchbricht und die Krankheit schneller abklingt. Heute ist das kein Ersatz für Impfung oder ärztliche Behandlung.
- Zur allgemeinen Stärkung der Abwehr (扶正 fú zhèng, „das Aufrechte stützen“) – ein Gedanke, der sich in der modernen Immunforschung wiederfindet.
In historischen Quellen
Chinesische Arzneibücher erwähnen den Pilz seit dem Mittelalter. Das Rì Yòng Běn Cǎo (日用本草, „Materia Medica für den täglichen Gebrauch“) des Yuan-zeitlichen Arztes Wu Rui aus dem 14. Jahrhundert beschreibt ihn sinngemäß als Pilz, der „das Qi stärkt und vor Hunger bewahrt“. Auch Li Shizhens berühmtesBěn Cǎo Gāng Mù (本草纲目, 1578), das wichtigste Arzneibuch der Ming-Zeit, führt essbare Pilze wie den Xiang Xun auf.
Typische Zubereitung in der TCM-Küche
In der chinesischen Diätetik wird der Shiitake fast immer lange gegart – geschmort, in Suppen gekocht oder im Reisbrei mitgegart. Das passt zum Grundsatz, dass warme, gekochte Speisen die Verdauung schonen. Es passt aber auch zur modernen Erkenntnis, dass roher Shiitake Hautreaktionen auslösen kann.
Klassische Kombinationen:
- Huhn mit Shiitake (香菇鸡汤): stärkende Suppe nach Krankheit oder Geburt.
- Congee mit Shiitake: Reisbrei, stundenlang gekocht – leicht verdaulich am Morgen.
- Shiitake mit grünem Gemüse wie Pak Choi: ausgleichend und alltagstauglich (Rezept).
- Geschmorte Shiitake (红烧香菇) mit Sojasauce und Reiswein (Rezept).
Was die moderne Forschung bestätigt
Spannend ist, wo sich traditionelles Wissen und Forschung treffen. Der TCM-Gedanke, Shiitake stärke die Abwehr, findet ein Echo in Studien, in denen täglicher Verzehr Immunzellen messbar aktivierte.[1]Aus dem Shiitake isoliertes Lentinan wird in Japan und China als Arzneimittel in der Krebs-Begleittherapie eingesetzt und verlängerte in Studien bei Magenkrebs das Überleben.[2] Viele andere überlieferte Wirkungen sind bisher nur im Labor oder Tierversuch untersucht.[3]
Wichtig: Diese Ergebnisse betreffen meist Extrakte oder gereinigte Wirkstoffe. Die TCM dagegen setzt den Shiitake als Lebensmittel ein, in normalen Mengen und über lange Zeit. Für diese Art der Anwendung ist er gut verträglich und sicher – sofern er durchgegart ist.
„Vitalpilze“ und Mykotherapie in Deutschland
Im deutschsprachigen Raum werden Shiitake-Pulver und -Extrakte oft als „Vitalpilz“ verkauft. Rechtlich sind sie Nahrungsergänzungsmittel, keine Arzneimittel: Sie werden vor dem Verkauf nicht auf Wirksamkeit geprüft, und Heilversprechen sind nicht erlaubt. Wer Extrakte nehmen möchte, sollte auf Produkte mit Angabe des Beta-Glucan-Gehalts und unabhängiger Laboranalyse (Schwermetalle, Pestizide) achten – und bei Erkrankungen vorher ärztlichen Rat einholen, idealerweise bei Ärztinnen oder Ärzten mit TCM-Zusatzqualifikation.
Quellen
- Dai X, Stanilka JM, Rowe CA, et al. Consuming Lentinula edodes (Shiitake) Mushrooms Daily Improves Human Immunity: A Randomized Dietary Intervention in Healthy Young Adults. J Am Coll Nutr. 2015;34(6):478–487. doi:10.1080/07315724.2014.950391 · PubMed
- Oba K, Kobayashi M, Matsui T, Kodera Y, Sakamoto J. Individual patient based meta-analysis of lentinan for unresectable/recurrent gastric cancer. Anticancer Res. 2009;29(7):2739–2745. PMID 19596954 · PubMed
- Bisen PS, Baghel RK, Sanodiya BS, et al. Lentinus edodes: a macrofungus with pharmacological activities. Curr Med Chem. 2010;17(22):2419–2430. doi:10.2174/092986710791698495 · PubMed